Bildungsungleichheit in der (Weiter-)Bildung

Interview mit Gerhard Reutter (Wissenschaftlicher Berater, bbb Büro für berufliche Bildungsplanung)

Herr Reutter war lange Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn. Sein Schwerpunkt bildet die berufliche Weiterbildung von Problemgruppen des Arbeitsmarkts (wie z.B. bildungsbenachteiligte bzw. bildungsferne Jugendliche).

Im Rahmen des von uns veranstalteten Diskussionsabends zum Thema „Weiterbildung und gesellschaftliche Teilhabe“ am 16. Mai 2019 im Unperfekthaus in Essen war er einer unserer Talkgäste und stand uns im Nachgang Rede und Antwort.

1. Redaktion
Guten Tag Herr Reutter, wir haben im Rahmen unserer Diskussionsrunde unter anderem über das eigene Verständnis von Bildungsgerechtigkeit und deren Grenzen gesprochen.
Was ist aus Ihrer Sicht der größte Verhinderer von gleichen Chancen auf Bildungsteilhabe?
 
Gerhard Reutter:
Der größte Verhinderer für Bildungsgerechtigkeit ist, dass die Herkunft -also das Elternhaus - immer noch entscheidend dafür ist, welche Bildungschancen ein Kind erhält. Ich habe in diesem Zusammenhang davon geredet, dass man so etwas wie eine Refeudalisierung in der Bildung beobachten kann. Nach dem Motto: In welchen Stand du hineingeboren bist, entscheidet über deine Lebens- und Berufschancen.

2. Redakton:
Wie entscheidend ist also - neben formalen Hindernissen - das persönliche Umfeld eines Kindes/ Jugendlichen, welches prägend für dessen Selbstbild ist?
 
Gerhard Reutter:
Innerhalb der OECD-Staaten sind wir das Land, in dem die soziale Herkunft am entscheidendsten für die späteren beruflichen Chancen ist. Das muss man ganz klar sagen!

3. Redaktion:
Also sie meinen, dass das Elternhaus neben der Schule tatsächlich entscheidend vorprägt, auf welche Schule das Kind letztendlich geht? Ich denke da gerade an meine eigene Bildungslaufbahn: Meine Grundschullehrerin hatte keine Empfehlung für das Gymnasium ausgesprochen, meine Mutter hat sich jedoch dagegengestellt und mich auf ein Gymnasium geschickt. Danach habe ich ganz normal Abitur gemacht, studiert und später selbst an einer Universität gearbeitet. Aber wer weiß, wie meine Bildungskarriere ausgesehen hätte, wenn meine Mutter sich nicht gegen diese Entscheidung gestellt hätte.

Gerhard Reutter:
Genau, und in den Ländern, in denen die Grundschulempfehlung bindend ist, hätte ihre Mutter gar nichts dagegen ausrichten können. Das ist das große Dilemma! Es gibt immer noch Länder, in denen die Grundschulempfehlung verbindlich ist. Und da beobachten wir, dass Lehrer zum Teil ungewollt nach dem sozialen Hintergrund entscheiden. Wir beobachten es zum Beispiel ganz häufig bei Kindern mit Migrationshintergrund, dass die Lehrer ihnen diesen Bildungsweg nicht zutrauen, obwohl sie von der Leistung her alles mitbringen, was für eine Gymnasialempfehlung reichen müsste.
 
4. Redaktion:
Und das ist natürlich auch nur die individuelle Sicht des Lehrers auf das Kind und bildet nur den Ist-Zustand ab, was nicht heißt, dass das Kind kein Entwicklungspotenzial hat.

Werfen wir nun einmal einen Blick auf mögliche Lösungsansätze, um ungleiche Bildungschancen entgegenzuwirken: Wie könnte aus Ihrer Sicht eine Veränderung des Bildungsverständnisses zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen?

Gerhard Reutter:
Also aus meiner Sicht fängt dies bei der frühkindlichen Bildung an. Man sollte darüber diskutieren, ob man nicht eine Kindergartenpflicht einführt und den Kindergarten nicht nur als Spielort, sondern auch als Lernort versteht. Denn im Kindergarten besteht bereits die Möglichkeit, dem kompensatorischen Anspruch von Bildung gerecht zu werden, also Bildungsungerechtigkeiten aufgrund des Elternhauses schon hier ausgleichen zu können.

Zudem sollte man in der Schule nicht so früh differenzieren, denn im Alter von 10 Jahren darüber zu entscheiden, ob jemand auf ein Gymnasium gehen oder an der Hauptschule verbleiben soll, ist meines Erachtens nach viel zu früh. Die skandinavischen Länder mit ihrer längeren gemeinsamen Schulpflicht sind da schon eher ein Vorbild.

Und das setzt sich dann fort: Wir brauchen ein Übergangssystem für die Jugendlichen, die keine Ausbildung im dualen System finden, das deren Leistungs- und Kompetenzzuwächse auch dokumentiert und nicht als eine Art Parksystem fungiert, wie es im Moment der Fall ist. Und dann müssten wir noch viel stärker in die Nachqualifizierung investieren, denn der Anteil der jungen Erwachsenen, die ohne Berufsabschluss sind, ist noch viel zu hoch. Da müsste einfach wesentlich mehr investiert werden.

Zuletzt müssten im Bereich der arbeitslosen Menschen natürlich mehr Umschulungen und weniger kurzfristige Qualifizierungen geleistet werden, die keine Effekte bringen.

5. Redaktion
Aus dem Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit hört man häufig ja auch, dass die Menschen Maßnahmen durchlaufen müssen, die ihnen überhaupt nicht entsprechen und man kann sich fragen, wie sinnvoll das ist. Denn wenn wir uns mit etwas beschäftigten, für das wir uns wirklich interessieren und das wiederum auf unsere eigene Art und Weise tun, kommen die besten Ergebnisse zum Vorschein.

Inwieweit kann Ihrer Einschätzung nach die Feststellung von bestimmten Lerntypen und deren Berücksichtigung in der konkreten Lehr-/Lernsituation Bildungsungleichheit reduzieren?

Gerhard Reutter:
Entscheidend ist, dass die Geringqualifizierten über sich selbst sagen, dass sie am besten im Prozess der Arbeit lernen und nicht in formalen Kontexten, wie z.B. der Volkshochschule. Und darauf haben wir bisher als Weiterbildungseinrichtung viel zu wenig reagiert. Unsere Aufgabe ist es, neue Formate zu finden, was das Lernen im Prozess der Arbeit angeht. Wir wissen aus Modellprozessen, dass Lernen im Prozess der Arbeit, wenn es in Einzelgruppen oder Coachinggruppen stattfindet, in relativ kurzer Zeit gute Ergebnisse liefert.

Und es ist ja unbestritten, dass jedes größere Unternehmen Coaching für seine Führungskräfte anbietet. Warum also nicht auch Coaching für die geringer Qualifizierten anbieten, wenn man weiß, dass gute Ergebnisse erzielt werden?

6. Redaktion
Stimmt, im Prinzip ist beides Lernen im Prozess der Arbeit, es wird nur anders benannt und bewertet.Abschließend: Was ist Ihnen persönlich in punkto Bildungsgerechtigkeit noch wichtig?
 
Gerhard Reutter:
Ich glaube die öffentlich verantwortete Weiterbildung hat ja für sich den Anspruch, kompensierend zu wirken, also Bildungsnachteile, die in der Vergangenheit liegen, auszugleichen. Und diesem Anspruch wird sie bisher nicht annähernd gerecht. Da wünsche ich mir neue Wege und neue Ansätze, um auch die zu erreichen, die fälschlicherweise als bildungsfern etikettiert werden. Die Frage ist nämlich, ob die Menschen bildungsfern sind, oder ob nicht die Einrichtungen eher menschenfern sind?

Redaktion
Das war ein spannender Blick auf das Thema (Weiter-)Bildung und darauf, dass eine wertschätzende Perspektive auf das Individuum und dessen (Weiter-)Bildungsbereitschaft bereits positive Veränderungen anstoßen kann.
Vielen herzlichen Dank für das Interview, Herr Reutter!

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